· Andreas Schwarz · Fachartikel · 7 min read
Einstieg ohne Überforderung: Vom Problem zur Lösung
Ein pragmatischer, messbarer Weg vom Problem zur Lösung: So starten Sie Ihre Prozessautomatisierung mit Quick Wins, klarer Governance und einem klaren Plan.
Teaser
Viele Unternehmen wollen Prozesse automatisieren, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Dieser Fachartikel zeigt einen klaren, pragmatischen Weg vom Problem zur Lösung. Sie erhalten robuste Kriterien für die Auswahl, einen kompakten Plan und Hinweise zur Governance. Ziel ist ein schneller, messbarer Nutzen ohne teure Fehlversuche. So behalten Sie die Kontrolle, bauen Kompetenzen auf und sichern die Anschlussfähigkeit für weitere Schritte.
Einstieg in die Prozessautomatisierung ohne Überforderung: Vom Problem zur Lösung in 90 Tagen
Warum sich der Einstieg in die Prozessautomatisierung oft überfordernd anfühlt
Der Druck zur Digitalisierung ist hoch, während Orientierung und belastbare Beispiele fehlen. Budgets sind begrenzt, Fachbereiche drängen auf Entlastung und der Markt schreit nach Aufmerksamkeit. Zwischen Robotic Workflows, Low-Code, Orchestrierung und Künstlicher Intelligenz wirken Begriffe austauschbar, Versprechen überschneiden sich und Risiken bleiben diffus. Hinzu kommen heterogene Systemlandschaften, Compliance-Fragen und Schattenlösungen. Das Ergebnis ist Entscheidungsparalyse: Alles scheint möglich, aber nichts ist eindeutig priorisiert.

Die gute Nachricht: Der Einstieg muss nicht groß sein, sondern klar abgegrenzt. Entscheidend sind Problemfokus vor Toolfokus, messbare Ziele, kleine Schritte und frühes Lernen. Wer so vorgeht, reduziert Risiko, hält Komplexität beherrschbar und verschafft sich intern Glaubwürdigkeit.
Was hinter der “Überforderung” steckt
Überforderung entsteht, wenn Unsicherheit, Komplexität und Erwartungsdruck zusammentreffen. Fehlende Roadmaps, unklare Business Cases und die Vielzahl an Optionen führen zu Zögern oder Fehlstarts. Risiko, Kosten und Akzeptanz spielen zusammen: Ohne belastbare Nutzenhypothesen riskieren Sie Budgetbindung ohne Gegenleistung, ohne Governance droht Schatten-IT, ohne Change-Plan stockt die Nutzung. Auch Integration ist ein oft unterschätzter Engpass, insbesondere bei Medienbrüchen und eingeschränktem Datenzugriff.
Viele Entscheider berichten von späten Überraschungen: Datenqualität unterschätzt, Spezialfälle ignoriert, oder Betriebsfragen erst nach dem Pilot adressiert. Die Folge sind Nacharbeiten, Verzögerungen und Vertrauensverlust. Ein klarer, kleiner Start mit messbaren Ergebnissen verhindert diese Spirale und schafft einen belastbaren Pfad für die Skalierung.
Beispielfälle aus der Praxis
Unternehmen befinden sich in unterschiedlichsten Ausgangslagen. Manche haben bereits Automatisierungslösungen, kämpfen aber mit Betrieb und Akzeptanz. Andere wollen neu starten und suchen verlässliche Pilotprojekte. Die folgenden Beispiele sind bewusst kurz und exemplarisch gewählt, damit Sie eigene Parallelen erkennen können. Sie bilden keine Vollständigkeit ab, benennen jedoch typische Auslöser, Risiken und schnelle Hebel.
- Finance: Eingangsrechnungen, Abgleiche, Mahnläufe, wo Fehlerkosten real sind und standardisierte Dokumente vorliegen.
- HR: Onboarding, Vertragsänderungen oder Bescheinigungen mit wiederkehrenden Schritten und klaren Fristen.
- Operations: Bestandsabgleiche, Etikettendruck, Maschinen- oder Systemdaten prüfen und Regeln anwenden.
- Vertrieb: Angebotsfreigaben, Preislistenpflege und Datenübertragungen zwischen CRM und ERP.
- Einkauf: Bestellanforderungen und Lieferantenstammdaten mit Prüflogik und Vier-Augen-Prinzip.
- Kundenservice: Ticket-Triage, Textklassifikation und Antwortvorschläge mit Künstlicher Intelligenz.
- Compliance: Dokumentationspflichten, Prüfpfade und Zugriffsprotokolle standardisieren.
Diese Fälle profitieren von klaren Regeln, hohem Volumen oder hohem Fehlerrisiko. Wo Ausnahmen dominieren, unterstützt Künstliche Intelligenz beim Erkennen von Mustern und beim Verstehen von Texten.
Vom Tool-Hype zum Problemfokus
Der häufigste Auslöser für Fehlstarts ist Tool-Hype. Die Versprechen sind groß, die Erwartungen oft überzogen. Neue Software wird eingeführt, ehe klar ist, welches Problem sie lösen soll. Die Folge sind oft weiter steigende Komplexität, zerstreute Budgets und fehlende Akzeptanz. Stattdessen gilt folgendes Vorgehen fast immer als sinnvoll: Zuerst den Prozess wählen, Nutzen messen, dann die Technik passend zur Aufgabe gestalten. Eine frühe Governance im Minimalformat verhindert, dass parallele Experimente abweichen.

Wesentliche Risiken liegen außerhalb der Technik. Datenzugriffe sind nicht geklärt, Rollen und Verantwortlichkeiten schwimmen und der Betrieb ist nicht geregelt. Wer das ignoriert, bezahlt später mit Nacharbeit und Verzögerungen. Ein schlanker, verbindlicher Rahmen aus Zuständigkeiten, Freigaben sowie Sicherheits- und Compliance-Regeln ist die beste Versicherung gegen Fehlinvestitionen.
Lösungsansätze (Methoden, Governance, Nutzenmessung, Integration)
Der solide Einstieg beginnt mit einer Use-Case-Discovery: Welche Prozesse zeigen messbaren Schmerz, sind klar umrissen und datenverfügbar? Bewerten Sie nach Wert, Machbarkeit und Risiko. Bauen Sie einen Business Case mit Taktzeit, Fehlerquote, Durchlaufzeit sowie Kosten und definieren Sie Messgrößen vorab. Ein Minimalrahmen für Governance legt Rollen, Review- und Freigabewege, Security und Monitoring fest. Für die Integration gilt: Schnittstellen klären, Datenzugriffe sichern und Betrieb für 24/7 oder Kernzeiten festlegen.
Die richtige Analyse und Strategie liefert die konkrete Roadmap, die Quick Wins mit einem skalierbaren Zielbild verbindet. Für die Messung empfiehlt sich eine leichte Metrik - zum Beispiel “Stunden pro Vorgang”, “Fehlerquote” oder “Wartezeit Kunde”. Details zur Kennzahlenerfassung vertiefen Sie über KPI-Messung. Kontinuierliche Verbesserung ist Teil des Betriebsmodells, nicht ein Nachgedanke.
Zuerst das Problem, dann die Methode, dann das Tool - und messbar bleiben vom ersten Tag an.
Der Zwei-Horizont-Ansatz: Quick Wins und langfristige Ziele verbinden
Der Zwei-Horizont-Ansatz kombiniert schnelle, sichtbare Quick Wins mit einem langfristigen Zielbild.

Horizont 1 fokussiert auf Piloten mit klar abgegrenzten Prozessen, kurzen Durchlaufzeiten und stabilen Datenzugängen. Ziel ist eine lernbare Lösung in 4-12 Wochen, die Entlastung spürbar macht und Akzeptanz erzeugt.
Horizont 2 sichert Skalierbarkeit: Architektur, Betriebsmodell, Rollen, Plattform-Governance, Sicherheits- und Compliance-Regeln.
Beide Horizonte stützen sich gegenseitig. Der Pilot liefert reale Messwerte, die das Zielbild schärfen. Das Zielbild wiederum verhindert Insellösungen und schützt vor technischen Sackgassen.
Der schnellste Einstieg: 30-60-90-Tage-Plan
Der Einstieg gelingt, wenn Verantwortlichkeiten, Kriterien und Go/No-Go-Punkte von Beginn an klar sind. Die folgenden Schritte konzentrieren sich auf einen Pilotprozess mit spürbarem Nutzen und beherrschbarer Komplexität. Risiken, Qualitätssicherung und KPIs sind integriert, um Entscheidungen datenbasiert zu treffen und Vertrauen aufzubauen.

- 0-30 Tage:
- Pilotkandidaten sammeln, bewerten (Wert, Machbarkeit, Risiko), Stakeholder benennen, Problem und Zielzustand schriftlich fixieren, Basis-Governance definieren.
- Datenzugriffe klären, Compliance-Prüfung durchführen, Systemgrenzen und Abhängigkeiten dokumentieren, Go/No-Go-Kriterien für den Pilot festlegen.
- Messgrößen definieren (z. B. Durchlaufzeit, Fehlerquote, Rework, Mitarbeiterzeit), Referenzwerte erheben, Monitoring aufsetzen.
- 31-60 Tage:
- Lösung entwerfen, minimal umsetzen, Testdaten durchspielen, Ausnahmen regeln - KI bei Bedarf für Klassifikation, Dokumentenverständnis oder Sprache ergänzen.
- User-Tests mit Fachbereich, Schulungen für Bediener und Prozessverantwortliche, Feedback-Schleifen, Anpassungen priorisieren.
- Betriebsfrage klären - wer betreibt, wer 2nd-Level ist, wie Störungen erkannt und gemeldet werden, wie Änderungen abgenommen werden.
- 61-90 Tage:
- Rollout im begrenzten Umfang, Wirksamkeit messen, Go/No-Go für Skalierung anhand definierter KPIs und Qualitätsgrenzen treffen.
- Dokumentation finalisieren, Lessons Learned, Roadmap auf die nächsten 2-3 Prozesse übertragen und Zielbild verproben.
Quick Wins senken in geeigneten Routineprozessen 15-30 Prozent der Durchlaufzeit und 20-50 Prozent manueller Schritte. Wichtig sind initiale Referenzwerte. Ohne Vorher/Nachher-Vergleich bleibt der Nutzen unsichtbar. Ein kompaktes Betriebskonzept verhindert Abbrüche nach dem Pilot und erleichtert die Erweiterung.
Typische Hürden und wie Sie sie vermeiden
Viele Stolpersteine lassen sich vorhersehen. Unklare Verantwortlichkeiten führen zu Stillstand - benennen Sie jeweils einen Verantwortlichen auf fachlicher Seite und technischer Seite. Fehlende Datenzugriffe stoppen die Umsetzung - klären Sie Zugriffsrechte und prüfen Sie die Datenqualität früh. Tool-Fokus ohne Problembezug erzeugt die falsche Lösung - fixieren Sie das Zielbild des Prozesses vor der Toolwahl. Und unterschätzen Sie nicht den Betrieb: Monitoring, Fehlerbehandlung und Änderungsprozesse müssen stehen, bevor Sie skalieren.
Die Rolle der Künstlichen Intelligenz ist ergänzend. Sie hilft bei unstrukturierten Dokumenten, Klassifikation, Sprache und Mustern, ersetzt aber keine Prozessexzellenz. In reifen Umgebungen liegt der Datenaufbereitungsaufwand bei 30-50 Prozent der Projektzeit. Behalten Sie System- und Medienbrüche im Blick und investieren Sie in saubere Integration. Ein leanes Trainingskonzept mindert Widerstände und fördert sichere Nutzung im Alltag.
Fazit
Ein guter Start in die Prozessautomatisierung ist klein, messbar und lernorientiert. Er stellt den Prozess über das Tool, klärt Daten und Betrieb, und verbindet schnelle Resultate mit einem tragfähigen Zielbild. So sinken Risiko, Kosten und Komplexität - die Akzeptanz steigt. Der Zwei-Horizont-Ansatz liefert dafür einen stabilen Rahmen.
Definieren Sie innerhalb von zwei Wochen einen klar umrissenen Pilotprozess mit messbaren Zielen, Baseline und Go/No-Go-Kriterien und starten Sie in 4-6 Wochen den Pilot. Nutzen Sie unsere Ressourcen Einstieg und Überforderung als Gradmesser für Fokus und Vorgehen und verankern Sie Kompetenzen über Training und Befähigung dauerhaft im Team.